Wolfi´s Radsportseite - meine Jugend und wie ich 2015 das Rennradeln wiederentdeckt habe
Wie habe ich das Radfahren für mich entdeckt, meine ersten Erfolge und Mißerfolge

Im Jahr 1964 bin ich im schönen Kärnten, das südlichste Bundesland Österreichs, auf die Welt gekommen. Der Fernseher war bei uns bis zu meinem 12 Lebensjahr kein Thema, aus einem einfachen Grund. Es hat einfach keinen gegeben! Das hat mich in eine sehr interessante Situation gebracht, mir Gedanken über meine Freizeit zu machen. Die Astronomie oder bekannter als "Sterndlgucken" und natürlich Lesen sind schon seit meinem 9. Lebensjahr meine Begleiter gewesen .. und naja,was man sich halt als Kind und Frühpubertierender so ausdenkt.

Ich stamme aus einer Familie von guten Essern und meine Eltern haben es immer geschafft, gutes Essen und vor allem reichlich davon, auf den Tisch zu stellen. Nun, das Ergebnis aus sehr stationären Hobbies und gutem Essen ist recht eindeutig, und vor allem auf den Hüften zu finden. Gut, bis zu einem gewissen Lebensalter, werden die Kalorien in Höhenwachstum umgesetzt. Wenn man aber, wie ich, ein sehr guter Nahrungsmittelverwerter gewesen ist und auch heute noch ist, dann muß man sich  schon was einfallen lassen. Ab meinem 15. Lebensjahr habe ich  den Sport für mich entdeckt.

Dazu muß ich eines sagen... ich bin kein Mensch, der halbe Sachen macht. Entweder Alles oder Nichts ... das ist eher meine Philosophie! Das ist in meiner Kindheit so gewesen und bestimmt auch heute mein Leben. .. Aber wieder zurück in die ferne Vergangenheit:

Fitnesscenter sind damals in Klagenfurt aus dem Boden geschossen, das Körperbewusstsein hat um sich gegriffen und auch mich hat es im zarten Alter von 17 Jahren in die örtliche Muggibude mit dem Namen "Fitnesscenter California" verschlagen. Das Hantelschwingen hat mir von Anfang an viel Spaß gemacht. Die Muskelkater eher weniger aber die sind von mal zu mal weniger geworden. Meine Eigenschaft als "guter Nahrungsmittelverwerter" hat einen tollen Nebeneffekt gehabt, ich habe sehr  schnell Muskeln aufgebaut. Binnen eines Jahres habe ich mich vom "Schwarti" zum "Knorri" gewandelt. Der Begriff "Schwarti" ist ja selbsterklärend aber "Knorri" ? Der Begriff ist von Günter, einem Sternfreund von mir, geprägt geworden. Weil meine Arme und Beine wie die knorrigen Wurzeln einer Eiche ausgesehen haben.

Daß Bodybuilding nicht alles ist, habe ich schnell erfahren, wenn man die ganzen Muskelmassen, von denen ich durchaus einiges herumgeschleppt habe, über längere  Zeit in Bewegung halten muß. Wenn da so ein Muskelberg schwitzend und schnaufend die Treppe raufkeucht, wie so eine alte Dampflokomotive, dann hat das schon was. Für mich ist das ein Alarmsignal gewesen, ich habe meinen Körper einseitig trainiert und bei 176 Zentimeter und einem Oberkörperumfang, um den mich so manches Busenmodell beneidet hätte (128 Zentimeter), habe ich auch nicht wirklich toll ausgesehen. Ich habe mein Höhenwachstum halt einfach zu früh beendet.

Also ... runter mit den Muggis - aber wie ??

Laufen war die erste Lösung aber mein Meniskus im linken Bein hat mich schnell eines Besseren belehrt. Der Mensch lernt durch Schmerz am effektivsten. Eine etwa  8 Zentimeter lange Narbe ist eine Erinnerung bis heute. Was also tun, denn ich habe die Freude am masochistischen Selbstpeinigen über lange Zeit (also Ausdauersport) für mich entdeckt. Nun, die Alternative habe ich schnell gefunden. Die Herren und Damen in enganliegenden Figur betonenden Kunststoffdressen auf den  hauchzarten Metallgestängen mit den beiden Reifen sind auch schon damals rund um den Wörthersee häufig aufgetreten. Ich habe damals auch schon mein eigenes  Geld verdient, in der Kärntner Landesregierung und leider mehr ausgegeben als eingenommen. Also nichts wie her mit einem guten Rennrad.

Im Süden von Klagenfurt, in Richtung Rosenthal hat es den Radhändler meines Vertrauens gegeben (ich meine es gibt ihn noch) - GEROS und das Rad, in das ich  mich spontan verliebt habe, war ein Colnago mit mehrfach verlöteten Alu Rahmen - superleicht und wirklich schnittig - einfach wunderschön - mit edlem perlweißem Look.  Und damit haben die Ausgaben erst begonnen! Natürlich waren gute Radschuhe Pflicht und natürlich auch das sexy Outfit mit Ganzkörperkondom - ah .. ich meine Rad-Dress und Brille. Helme sind damals etwas für das Bundesheer gewesen, nicht für Radfahrer. Ich kann mich noch gut erinnern, wie der Radhändler meines Vertrauens den Kopf geschüttelt hat, angesichts meiner auftrainierten Muskeln. Aber ich bin sicher gewesen, meine stahlharten Muggis werden mich auch am Rad nicht im Stich lassen. Ach, wie sollte ich mich irren.


Meine erste Radtour - ein Desaster !

Klagenfurt Hochosterwitz - meine erste Tour

Nur wenige Tage sollte sich die Gelegenheit ergeben, mein neuerworbenes Rennrad "kennenzulernen".

Einmal Klagenfurt bis Burg Hochosterwitz und zurück - das sind ja  nur rund 35 Kilometer - ein Kinderspiel für jemanden, der mit 120kg auf den Schultern Kniebeugen gemacht hat. Also, rauf auf den Bock und los gehts. Der Antritt auf  dem Rad - Wahnsinn und die Beschleunigung - super - bis zur ersten Ampel. Abbremsen und - verdammt was ist das ??? Meine Füße sind an das Rad gekettet - das darf doch  nicht war sein - ich komme mir vor, wie eine Bahnschranke nur viel schneller und so habe ich das erste Mal recht intim den Asphalt kennengelernt und sehr schnell gelernt, wie man mit dem Rad anhält und nicht sofort zur Lachnummer für alle umgebenden Passanten wird. Gottseidank ist nichts passiert - will heißen - mein Rad hat keine  Schramme abbekommen, im Gegensatz zu mir. Aber das macht nichts, denn ich bin ja ein ganz harter!

Und weiter gehts, in meinem jugendlichen Ungestüm hopple ich am Rad, wie ein Hase über das Feld. Von einem runden Tritt habe ich noch nie was gehört, geschweige  denn selbst praktiziert - ja wo den auch und wann? Also hopple ich aber Kraft habe ich im Überfluss und meine Schenkel werden immer dicker. Sonderbar, irgendwas  stimmt mit meiner Anatomie nicht. Sicher hat Colnago das Rad falsch geplant, denn der Platz zwischen meinen Oberschenkeln ist einfach zu eng, immer stoße ich an diesen doofen Mittelrahmen. Aber irgendwie gehts doch - also weitergehoppelt.

Irgendwann geht es dann rechts weg in Richtung Hochosterwitz und ... es geht aufwärts! Meine Schenkel fangen an zu brennen wie ich es bei Kniebeugen nie erlebt habe. Und mein Puls, den spüre ich in meinem Kopf. Und wie bekomme ich genug Luft in meine Lungen. Ich atme wie ein Verrückter aber mir kommt es vor, dass mir die Luft  rausgesaugt wird. Das gibt es doch nicht - und diese Steigung geht noch weiter - ich kann nicht mehr.

Wir ein geprügelter Hund fahre ich heim nach Klagenfurt und - es sollte nicht das letzte Mal sein, daß es mir so geht.


Am Ende der Saison - auf zu neuen Abenteuern

Gefühlte 3 Jahre später - in Wirklichkeit sind es nur 3 Monate - ist für mich die Strecke Klagenfurt - Burg-Hochosterwitz schon fast eine Hausstrecke. Auch ins Rosenthal, vorbei an der schönen Hollenburg, habe ich mich getraut. Mein Körper hat sich durchaus verändert, ich habe mein Gewicht von knapp 80kg (ohne Fett) auf 76kg reduziert. Meine Muskeln sind zwar schmäler geworden aber definierter. Ich schaue nun noch mehr wie ein "Knorri" (siehe oben) aus. Aber mir gefällt es! Vor allem ist es ein  tolles Gefühl, in der Ebene dahinzupreschen - Kilometer zu fressen. Ich getraue mich sogar schon "auf die Jagd zu gehen". Eine Vorliebe, die ich bis heute beibehalten habe. Wenn ich vor mir eine Gruppe oder einen einzelnen Rennradfahrer sehe, dann überkommt mich der Jagdtrieb, eine muntere Aufholjagt beginnt.

Ich fühle mich schon wie der König der Landstraße und Kärnten ist ja bekanntlich nicht nur ein Land der Seen, sondern auch ein Land der Berge. Also aufgeschwungen in luftige Höhen. Die Strecke Klagenfurt nach Diex sollte es sein, der knackige Anstieg müsste ja bei meiner neu erworbenen Kondition locker zu machen sein - dachte ich.  Nun, der Begriff Schicksalsberg wird für mich in den kommenden Wochen eine sehr zentrale Bedeutung bekommen.


Die Tour von Klagenfurt nach Diex - Der Anstieg nach Diex - 800 Höhenmeter

Klagenfurt Diex

Also der erste Anlauf, ich rolle mich locker ein und dann gehts los. Ich habe ein gutes Körpergefühl bis - ja bis ich die Straße sehe, die da an die Wand gemalt wurde. Und da soll ich rauf? Nicht das erste Mal und sicher auch nicht das letze Mal habe ich mich gefragt, was für ein schräges Hobby ich mir da ausgesucht habe. Aber mein Ehrgeiz ist geweckt und schon damals war für mich klar - schieben ist nicht - entweder komplett rauf - egal wie - oder umdrehen - auf keinen Fall absteigen.

Die Straße steigt an, die Steigung geht sofort in den zweistelligen Bereich .. und sie bleibt dort. Der Puls geht sofort in den dreistelligen Bereich und schickt sich an, die 200 zu knacken. Nach wenigen Minuten ist es aus. Ich kann nichts mehr erkennen, ich höre nur meinen Puls und mir ist kotzübel. Umdrehen und heimtreten nach Klagenfurt - im Schneckentempo. Wieder komme ich wie ein geprügelter Hund an.

Aber .. ich bin ein Kämpfer - eine Eigenschaft, die mir in meinem Leben schon oft gut weitergeholfen hat.

Eine Woche später - gleiches Ziel - gleiches Schicksal aber .... Der Punkt meines "Scheiterns" ist gut 300 Meter weiter am Berg. Eigentlich empfinde ich das nicht mehr als Scheitern, eher als kleinen Sieg. Ich habe zwar den Berg nicht bezwungen aber immerhin einen Etappensieg über mich selbst erreicht. Zurück in Klagenfurt, komme ich mir nicht mehr wie ein geprügelter Hund vor.

Und wieder und wieder ... immer der gleiche Berg - mein persönlicher Schicksalsberg! Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie viele Anläufe notwendig waren aber als ich schließlich vor der alten Wehrkirche in Diex stehe, dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Nun bin ich der König der Landstraße. Noch jetzt, während ich dies schreibe, überkommt mich ein kribbelndes Gefühl. Mein erster Sieg über einen Berg und vor allem über mich selbst.


2 Jahre später - Rennradfahren ist ein Teil meines Lebens

Zwei Jahre nach meinem Beginn meines Lebens als "Hobbyradler" erkenne ich meinen Körper kaum wieder. Die übertriebenen Pakete auf den Schultern und Armen sind verschwunden. Meine Hosen habe ich alle aufgeben können, denn sie flattern nur mehr an meinen dünneren Oberschenkeln. Und meine Wadeln - also ein Bildhauer hätte seine helle Freude daran. Ich befinde mich zwischen zwei Welten. Für meine Freunde aus dem Fitnesscenter bin ich nur mehr "ein Strich in der Landschaft". Und für meine neuen Freunde aus der Zunft der "Ritter der Landstraße" bin ich ein Fleischklops - vor allem für die Bergfexe. Die bestehen für mich nur aus Beinen mit ein bisserl was darüber, damit der Kopf nicht auf dem Becken aufliegt.

Aber in der Ebene - da geht es dahin. Ich habe mittlerweile 73kg und kein Fett auf den Rippen. Das kann ich in der Ebene in Tempo umsetzen und das tue ich auch. Das Rosental rauf- und-runter oder mal schnell in der Mittagspause einmal um den Wörther See. Bin ich ein Radfanatiker - ein Wahnsinniger - ein Freak ??? Ja, das wird wohl so sein denn für mich gibt es streckenweise wirklich nur mehr den Gedanken - nach der Tour ist vor der Tour.

Einer der Arbeitskollegen von meinem Vater ist Herr Berger (bzw. er war es .. aber wie gesagt - ich erlebe ja jetzt alles nochmal). Ein echter Bergfahrer - ein Beinmensch. Der ist auf  den Bergen zuhause. Ich meine oft, in der Ebene bei Seitenwind muß er aufpassen, daß er nicht davongeweht wird. Er möchte auf die Turrach fahren (achtung - die Straße war damals nicht entschärft) und ich will mit. Herr Berger schaut mich an und schüttelt nur den Kopf. Er sagt mir, daß es in der Kärntner Radszene ein ungeschriebenes Gesetz gibt. Wenn Du mehr als 70kg hast, ist die Turrach (von der Kärntner Seite) nichts für Dich. Das kann ich nicht akzeptieren.



Die Turrach, ein knackiges Erlebnis - in vielerlei Hinsicht.

Klagenfurt Turrach Neumarkter Sattel - Mördertour

Ich habe schon erwähnt daß ich ein Kämpfer bin und aufgeben -- nur wenn mein Herz beim Hals rauskommmt. Ich sage Herrn Berger, daß ich unbedingt hoch will. Er gibt mit 2 Monate - also runter mit den Kilos, ich muß doch die 70kg nach unten knacken. Weniger essen - aber das bei meinem Kalorienbedarf - ich frühstücke ausgiebig, ich gönne mir eine Jause, ich esse voll zu Mittag und am Abend könnte ich wieder eine Riesenportion verdrücken -- und tue es auch. Aber die Turrach winkt.

Mann - dieses bohrende Hungergefühl und damit schon loszufahren - das kann es doch nicht sein. Meine Leistung wird mit jedem Gramm, das ich abnehme, nicht besser, sondern dramatisch schlechter. Die Wörthersee Runde , ein Spaziergang bisher, wird für mich zu einer Herausforderung und so soll ich auf die Turrach? Ich bin verzweifelt. Zudem zweifeln meine Eltern, meine damalige Freundin und auch meine Arbeitskollegen an meiner Gesundheit und auch an meinem Verstand. Zwei Wochen vor der Tour treffe ich Herrn Berger und klage mein Problem. Er schaut mich an, als ob ich den Verstand verloren habe, was wohl bis zu einem gewissen Grad auch zutreffend ist. Er verordnet mir eine sofortige Kohlehydrat Diät - welche ich gerne annehme. Nichts wie ab zum Italiener - Spagetti satt! Mann fühle ich mich gut, ich kann Bäume ausreißen und habe wieder meine alter Energie wieder - leider auch sofort meine alten 73kg.

Herr Berger ist aber von meinem Ehrgeiz sehr angetan, er zweifelt zwar, daß ich die Turrach schaffe, aber er will mir die Chance geben. Wahrscheinlich aber nur, weil er weiß, daß ich es sonst alleine versucht hätte und ich denke, damit hat er wohl recht.

Es ist soweit, wir rollen in Richtung Turrach. Die Tour sollte über die Turrach ins Murtal führen und dort in Richtung Neumarkter Sattel. Herr Berger fährt dann zu familiären Verpflichtungen nach Graz  und mit mir sollte es wieder zurück nach Klagenfurt gehen. Am Fuß der Turrach angekommen überkommen mich Zweifel - schwere Zweifel, ich lege den Kopf in den Nacken und ganz oben - die Straße. Sollte Herr Berger recht haben - aber es gibt kein Zurück mehr - Herr Berger sagt zu mir, er bleibe hinter mir und wenn er mir sagt, daß ich umkehren muß, solte ich es auch tun. Ich stimme zu.

Unvermittelt und ohne Erbarmen beginnt die Steigung - natürlich zweistellig und nicht mit einer 1 davor - meist mit einer 2 und binnen weniger Minuten kommt es mir vor, als krabble ich mit meinem Rad eine senkrechte Felswand hoch. Den Sattel habe ich schon längst verlassen aber nun möchte ich mich doch kurz hinsetzen. Hätte ich es bloß nicht getan. Mein Vorderrad verliert sofort den Kontakt zur Straße und beinahe hätte ich Kontakt mit dem Asphalt aufgenommen. Dann wäre das Abenteuer Turrach vorbei gewesen. Von hinten ertönt ein "spinnst-steh-sofort-auf" ... geklungen hat das eher  wie "spi.chch....ste chch f..." Aber da war ich schon wieder aus dem Sattel. Alles in mir schreit, meine Arme, meine Beine, ich sauge gefühlt hunderte Liter Luft pro Atemzug in mich rein und es reicht nicht aus. Der Schmerzlevel erreicht ungeahnte Höhen. Meine Wahrnehmung beschränkt sich auf .. Treten-Ziehen-Atmen-Schmerz-Straße- immer enger - am Rand wird es dunkel - warum - es ist doch  nicht Nacht  -- und dann - plötzlich ist es vorbei - die Hölle verschwindet, als ob es sie nie gegeben hätte und die Turracher Höhe ist erreicht.

Herr Berger ist hinter mir und als wir absteigen, schaut er mich an, mit, ich weiß es noch heute, einem sehr sonderbaren Blick. Seine Worte sind mir noch heute im Gedächtnis. Er sagt:  "Wolfgang, ich weiß nicht, was lauter geknackt hat, dein Rahmen oder Deine Gelenke." Mein Gedanke, als ich oben angekommen bin ist viel einfacher ... "So etwas will ich nie wieder in meinem Leben machen". Ich fühle keinen Triumph, keinen Sieg - nur Leere. Das war zu viel, das weiß ich - und es ist noch nicht zu Ende.

Nach viel zu kurzen geschätzten 30 Minuten geht die Tour weiter, ab ins Murtal - eine herrliche Abfahrt - eine nie enden wollende Gerade mit stetigem Gefälle. Eine Belohnung für die Mühen und langsam, während der Abfahrt, stellt sich in mir doch ein gewisses Glücksgefühl ein. Ich bin wieder eins mit der Straße, meinem Rad und mit mir. Die Fahrt durch das Murtal ist angenehm und bald trennen sich die Wege von Herrn Berger und mir, er fährt Richtung Graz und meine Strecke führt zurück über den Neumarkter Sattel in Richtung Klagenfurt.

Ein Kinderspiel, nach diesem Monster, welches ich gerade bezwungen haben - und wieder einmal sollte ich mich ganz schrecklich irren.

Am Neumarkter Sattel angekommen kommt es mir vor, als ob der liebe Herrgott mal schnell sein Heißluftgebläse angemacht hat. Ein fürchterlicher Föhnwind mit kuscheligen 35° (gefühlten 50°) bläst mir ins Gesicht. Und zwar mitten ins Gesicht- von vorne - und Klagenfurt ist noch so weit weg. Die Flüssigkeit in meiner Trinkflasche verschwindet fast so schnell, wie die Flüssigkeit in meinem Körper. Bei jeder Gelegenheit trinke ich und fülle die Flasche auf aber mein Körper schreit nach mehr. Kein Schweiß kommt mehr aus den Poren, ich trockne komplett aus. Und ich trete weiter, wie eine Maschine. Kein Gedanke hat mehr Platz in meinem Kopf nur mehr treten-treten-treten.

Da plötzlich - etwas stimmt nicht und reißt mich aus meiner Lethargie. Ein Schmerz in beiden Beinen - was ist da los - es wird immer schlimmer. Ein Krampf - ich habe vergessen zu trinken.  Beide Oberschenkel sind nur mehr ein Quell des Schmerzes. Runter vom Rad - ab in den Rasen und massieren und trinken .. Klagenfurt ist nur mehr 15km weg - ich muß es schaffen. Nun, da ich dies schreibe, muß ich es wohl geschaft haben. Wie - das weiß ich nicht mehr. Ich kann mich aber noch an mein Gesicht im Spiegel erinnern. Ich denke, damals habe ich so alt ausgesehen, wie ich es heute bin.

Und die Waage ... die zeigt unter 70kg - Herr Berger hat also doch recht gehabt.

Ich habe noch viele Abenteuer aus meiner Jugend-Radfahrerzeit. Meine Tour auf den Großglockner oder das Rennen von Klagenfurt ans Meer - wo ich kurzerhand zum "Feldkirchner" gekürt wurde und tatsächlich zweiter geworden bin - ja ich bin und bleibe ein Ebenenfahrer - ein Bergfex wird nie aus mir - aber in der Ebene - mann da bin ich gut! Aber vergangen ist vergangen und vielleicht werde ich mal ein paar Stories aufschreiben. Die Turrach ist und war für mich aber das markanteste Raderlebnis und sicher auch eines der extremsten Erlebnisse in meinem Leben.



Die Gegenwart - etwa 30 Jahre später, ich bin nun 51 Jahre alt - oder eher jung.


In der Zwischenzeit bin ich vom Kärnter zum Bayern (nein, nicht der auf Rügen) geworden und ich fühle mich in diesem Land sehr wohl. Tolle Leute und ich lebe in einer sehr schönen Beziehung. Auch beruflich hat alles geklappt, ich habe meine eigene Firma und alles geht seinen gewohnten und durchaus guten Lauf. Nur das Radfahren habe ich aus den Augen verloren. Warum, das weiß ich nicht. Nun - so ganz habe ich das Radfahren natürlich nicht aufgegeben. Ich weiß noch, wo bei einem Rad die Pedale sind. Mein Colnago aber ist verkauft. Ich hoffe, es macht einen Radfan glücklich und erfüllt so noch heute seine Bestimmung.

Ich bin, bis Sommer 2015 ein klassischer und von vielen gefürchteter Urlaubsradler geworden. Mein Gewicht ist auf etwa 85kg angestiegen "la dolce vita" - aber ein Schwarti bin ich doch nicht geworden. Seit etwa 10 Jahren fahren wir jeden Sommer ins Burgenland an den Neusiedler See. Und unser dortiges Hotel hat einen sogenannten "Hotelgeppel". Also ein Rad mit gut 20kg was  aber auf der Straße doch recht gut läuft, und im Burgenland sind Anstiege ja eher Mangelware - zumindest rund um den Neusiedler See. Also jedes Jahr im Sommer hiefe ich meinen Luxuskörper auf dieses bedauernswerte Rad. Oft meine ich, es erzittert, wenn ich komme und versucht, sich in den hintersten Winkel der Scheune zurückzuziehen. Aber keine Chance  - ich finde es und ich quäle es, denn Kraft habe ich noch immer und durch regelmäßiges Laufen auch gut Ausdauer.

Aber - 30 Jahre hinterlassen doch Spuren am Körper. Ich bin nun in einem knackigen Alter - überall knackt es. Und meine Knie ... oje .. Laufen bedeutet zwar ein gutes Gefühl aber auch  Schmerzen. Habe ich schon erwähnt - Der Mensch lernt am besten durch Schmerzen?


Emil, ein sehr guter Freund von mir stellt mir eine entscheidende Frage.

Emil ist mit uns das erste Mal an den Neusiedler See gekommen. Der Urlaub im Burgenland ist für mich eine tolle Kombination aus Musical, gut Essen, Zeit für Freunde zu haben und natürlich  ... Radfahren. Ich bin halt zum Urlaubsradler mutiert. Als ich eines Tages erschöpft aber glücklich von einer Tour (etwa 50 Kilometer) zurückkomme, klaubt mich Emil auf und sagt zu mir: "Wolfi, ich kann mich doch noch erinnern, wie gerne Du radgefahren bist, wir kennen uns ja schon seit etwa 30 Jahren. Und ich sehe auch, wieviel Spaß Dir das Radfahren heute noch macht. Warum zum Teufel kaufst Du Dir kein gescheites Rad, Du arbeitest viel, mehr als die meisten Leute, die ich kenne. Du kannst es Dir doch leisten."

Emil hat da eine richtige Denklawine in mir ausgelöst und - was soll ich sagen - keine drei Wochen später, Ende Juli, habe ich mein neues Fahrrad kennengelernt. Es ist ein Simplon Inissio - ein tolles Carbon Rad mit geradem Lenker (eine klassische Fehlentscheidung von mir) und Allround Reifen. Gekauft habe ich es bei meinem neuen Fahrradhändler meines Vertrauens, Zweirad Hoffmann in Pöring - bei Zorneding. Ein tolles Geschäft und der Inhaber selbst ist auch ein "Süchtiger", was in der Regel ein gutes Zeichen ist.

Mein Gefühl, als ich mein neues Rennpferd in die "Arme" schließe ist unbeschreiblich. Es ist wunderschön und so leicht. In dem Moment, wo ich mein Inissio sehe weiß ich. Eine neues Kapitel in meinem Leben als Hobbyradler beginnt. Ich freue mich auf eine Zukunft voller Abenteuer und Erfahrungen.

Meine zweite Radfahr Karriere beginnt

2015 - Der Beginn meiner 2. "Radsport Karriere" oder ... wie schnell kann man eigentlich süchtig werden?

Es ist Ende Juli 2015 und ich bin nun stolzer Besitzer eines Rennrades - naja fast - mein Simplon Inissio schaut, wegen seiner dickeren Reifen, der Kotflügel und des geraden Lenkers eher aus wie ein "Deluxe Citybike" aber was solls - ab auf die Straße mit mir. Rennrad Dress habe ich und, dank meiner kurzen und  zweifelhaften Karriere als Skater (das sind die Dinger mit Rollen dran) habe ich auch einen gut sitzenden Helm.

Ich bin schon sehr gespannt, wie es mir nach etwa 30jähriger Abstinenz zum Radsport geht. Eine Hintertür habe ich mir ja offen gehalten. Immerhin habe ich, streng genommen, ja gar kein Rennrad, also muß ich mich auch nicht, wie ein Rennrad Fahrer aufführen. Dieser Vorsatz hält lange ... genauso lange,  bis ich meine erste Tour beginne.



Meine erste Tour von Baldham nach Glonn und zurück ... und vorbei wars mit den guten Vorsätzen

Meine erste Rennrad Tour

Klickpedale - wow also die Technik hat sich wirklich weiter entwickelt. Ich kann mich noch gut an die halbtauben Zehen erinnern, die durch zu stramm angezogene  Schnallen entstanden sind. Was wird wohl als nächstes kommen, ein Fahrrad, das von selber fährt? Ah hoppala, das haben wir ja schon (E-Bikes). Aber zurück zum Thema - meine erste Fahrrad Tour: Baldham - Glonn - Oberpframmern - Baldham ... das war in den vergangenen 30 Jahren auch das Weiteste, was ich in Bayern zurückgelegt habe. Nur im Burgenland, am Neusiedler See habe ich mich weiter getraut .. da ist es ja auch so wunderschön flach.

Also los gehts, an Zorneding vorbei, einen kurzen dankbaren Blick zu Zweirad Hoffmann, der mir dieses schöne Rad beschert hat. Ja, wo ist denn eigentlich diese Steigung geblieben, die ich mit meinem alten Stadtrad immer gemerkt habe. Hinter Zorneding gehts ab in die Pampa - rauf nach Buch und dann .. meine erste  Abfahrt - runter nach Moosach. Ah - das ist Rennradhimmel! Die Bäume flitzen nur so an mir vorbei. Und dann - diese herrliche Strecke von Moosach nach Glonn - leichte Kurven, mal eine Kuppe, dann wieder ein Gefälle. In mir macht sich ein Gefühl breit, welches ich seit Jahrzehnten nicht mehr gekannt habe. Ich erinnere mich an meine Rennradler Zeit in Kärnten.

Die Geschwindigkeit, der Asphalt unter mir, das Rauschen des Windes in den Ohren, das beständige Hämmern des Pulses - mal schneller - mal langsamer ... Mehr schnell, als langsam wird mir klar. Ich bin wieder süchtig!

Aber noch steht mir etwas bevor. Die Steigung hinter Glonn in Richtung Oberpframmern. Wird es mir so gehen, wie bei meinem allerersten Ausritt in Kärnten? Ich weiß nicht, ob es am Alter liegt oder doch an einer etwas besseren Grundkondition, als damals. Jedenfalls geht es zügig bergauf, sicherlich meine Atmung wird immer schneller aber ich bin weit weg vom kritischen Bereich. Da geht noch mehr. Oben am Berg angekommen stelle ich fest, dass es gerade noch gereicht hat. Immerhin - hundert  Höhenmeter im Stück - das ist schon was.

Und - von nun an gehts bergab aber nicht mit meiner Laune, sondern mit der Straße, denn der Berg hinter Glonn ist zugleich der höchste Punkt der Tour. Schnell normalisiert sich meine Atmung und ich fege meinem Start- und Zielpunkt in Baldham-Dorf entgegen. Herrlich - es ist nur schade, daß ich keine anderen Radfahrer sehe, die in meine Richtung fahren ... ich könnte schon wieder auf die Jagd gehen.

Die "Glonner Runde" wie ich sie nenne, sollte zu meiner Haustour werden - immerhin 40 Kilometer und 350 Höhenmeter (bayerisches Hügelland sei dank) - eine feine Runde für mal zwischendurch.



Das Internet spukt mir in die Suppe

Einige Wochen später und etwa 250  Kilometer in den Waden suche ich den Radhändler meines Vertrauens wieder heim. Ich möchte endlich wissen, wie schnell ich unterwegs bin - ein Tacho muß her! Fluchs montiert und - wow - schon beim Heimfahren knacke ich locker mal die 30 km/h Marke - mein Inissio geht wirklich ab. Doch nun mache ich einen Fehler, der sich aber später als eine richtige Entscheidung herausstellen sollte.

Ich suche im Internet nach Rennrad Videos um mich zu motivieren. Schließlich fühle ich mich schon wie ein Rennradler, fast schon wie in meinen alten Kärntner Tagen. Schnell werde ich fündig. Aber was ist das - alle Rennräder haben den nach unten gebogenen Lenker. Ich suche und suche - aber fast nirgends finde ich Videos mit Rädern, wie meines. Das Internet bestätigt mir, was ich eigentlich schon innerlich weiß, nur nicht wahrhaben möchte. Ich habe beim Kauf einen kleinen Fehler gemacht. Aber wer kann denn ahnen, daß es mich so schnell packt. Ich wollte ursprünglich ein Allround Rad und keinen Renner. Etwa zwei Monate verbringe ich noch in meiner selbst gewählten "Halbwelt", dann ist es genug - ich bin ein Rennrad Fahrer also will ich auch ein Rennrad haben.

Also - wieder mal suche ich den Radhändler meines Vertrauens auf, Zweirad Hoffman in Pöring und teile ihm mein Vorhaben mit. Mit einem Zwinkern in den Augen schaut  mich Herr Hoffmann an und meint: " Hat es Dich schon gepackt." Ich kann nur nicken und 2 Wochen später bekomme ich einen lang ersehnten Anruf. Meine Rennmaschine ist fertig. Herr Hoffmann bringt das Rad sogar in meine Firma "Teleskop-Service" nach Parsdorf. Ein paar Tage später, ich sitze in meinem Büro, bekomme ich einen internen Anruf. "Du, Wolfi, da ist jemand für Dich da, der hat so ein Radl dabei." Ich glaube, so schnell war ich noch nie die Treppen runter - ich öffne die Tür und... da steht es - mein "neues" Inissio. Schlank, elegant in mattschwarzem Look, mit den schmalen Reifen und dem Rennlenker. Ich sage zu mir - wow - genauso habe ich es mir vorgestellt aber mein Rad so live vor mir zu sehen, das ist einfach herrlich. Herr Hoffmann setzt noch einen drauf mit trockenen Worten: "Die bessere Position am Lenker und der geringere Luftwiderstand wird noch etwa 1,5kmh bringen, ohne größere Kraftanstrengung."

Ich glaube, noch nie war ein Arbeitstag so lange, ich denke es ist klar, wo ich die kommenden Stunden verbringen werde.

Mein "neues" Rennrad

Simplon Inissio Rennrad
(Werksfoto)


November 2015 - es läuft wie geschmiert

Ah - Rennradeln ist herrlich. Seit der Montage des Akkus habe ich 1700 Kilometer zurückgelegt. Die meisten Touren haben mich in Richtung Süden und Osten geführt. Glonn hat mich sicher schon 20 Mal gesehen und jede der Steigungen um Glonn kenne ich in- und auswendig. Auch die lange Ziehgerade zwischen Forstinning und Ebersberg kenne ich gut. Beim ersten Mal habe ich an mir gezweifelt, was ist denn mit meiner Kraft los, ich humple mit 29 km/h dahin, keuche wie eine Lokomotive,
und es geht nichts weiter. Inzwischen weiß ich, dass die Strecke ganz leicht ansteigt - minimal aber man spürt es.

Langsam werden auch meine Touren weiter. Unter 50 Kilometer geht nichts und nur selten ist mein Schnitt unter 30 km/h. Und das besondere, ich bin, wenn ich daheim ankomme, alles andere als kaputt, ich könnte Bäume ausreißen. So kann es immer weitergehen, jede Tour ein bisserl länger und immer schön schnell - das ist mein Motto.



Navigation ist alles ... und wieder mal "Schmerz"

Die Planung meiner Touren wird immer professioneller. Früher bin ich einfach drauflos geradelt und habe mich überraschen lassen, wohin mich meine Wadeln so bringen. Eine Zwischenstufe ist Google Maps - ich habe einfach Fahrrad Vaterstetten und mein Ziel eingegeben und Google hat eine feine Karte ausgespuckt. Ich habe mir dann die Ortschaften aufgeschrieben und den Zettel auf meinen Rahmen geklebt. Meist war ich ab der dritten Ortschaft völlig woanders - wo zum Teufel habe ich die Tour verlassen.

Inzwischen bin ich bei Komoot.de - ein toller Tourenplaner und ich habe mir auch gleich das gesamte Paket gekauft, weil ich recht oft im schönen Tirol unterwegs sein möchte. Komoot ist echt genial und natürlich, auch der letzte Schritt ist getan - ein Halter für mein Smartphone am Fahrrad. So lerne ich Straßen und Wege kennen, die "zuvor noch nie ein Mensch gesehen hat!" - naja, fast. Meine letzte Tour für 2015 war in das Hügelland hinter Grafing. Eine schöne Tour, tolle Straßen. Aber 3° ist nicht wirklich toll fürs Radfahren, vor allem ohne Überschuhe. Nach der Tour, in der heißen Badewanne mit schmerzenden Zehen, in die langsam das Gefühl wieder zurück kehrt, reift in mir der Entschluss - Überschuhe müssen her. Ich glaube, den Spruch: "Der Mensch lernt am effektivsten durch Schmerz." kennt Ihr ja inzwischen.

Kilometerstand Ende 2015

Zeit für ein kurzes Resumee - am 31.12.2015 zeigt mein Tacho 1952 gefahrene Kilometer an. Seit ich den Tacho montiert habe, habe ich 10.973 Höhenmeter geschafft. Dazu kommen noch die 250 Kilometer vor der Montage des Tachos.


2016 wird ein tolles Jahr

Seit vielen Jahren lebe ich nun in Bayern. Ich führe ein schönes Leben, ich habe eine wunderschöne Partnerschaft, bin beruflich erfolgreich, habe meine Hobbies und auch zwei ganz liebe Hunde. Meine Gesundheit ist auch in Ordnung. Es geht alles seinen Weg und die Highlights sind spärlich im Jahr gesät aber doch vorhanden. Ich bin ein glücklicher und zufriedener Mensch. Aber heuer ist doch vieles anders. In mir ist eine spannende Erwartung. Ich stelle mir vor, wie es ist, die ersten warmen Tage auszukosten  und weg von der Rolle wieder auf die  Straße zu gehen. Und - ich habe für nächstes Jahr ein tolle Ziele.


Wolfi Ransburg

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